Frankfurter Hauptfriedhof: Gedicht
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Auf dem Friedhof in Frankfurt                                                    Peterskirchhof  
Wilhelm Jordan (1819-1904)

Das Grab des Dichters befindet sich im Gewann F 946            


28. August 1862        

Das Leben wies mit siegenden Geboten
Den Friedhof in des Weichbilds ferne Mark;
Verwandelt ist das alte Feld der Todten.
Es liegt im Ring der Stadt als heitrer Park.
Noch immer steht und kämpft um längre Dauer
Manch Denkmal; doch die Zeit ist allzustark.
Die Schrift erlischt, in Trümmer sinkt die Mauer
Und jeder Frühling deckt mit dichterm Laube
Versöhnend zu die Bilder düstrer Trauer.
Dann klingt voll Zweigen, die er aus dem Staube
Der Herzen formt, das Lied der Nachtigal
Und neue Herzen hebt ein neuer Glaube:
In Laubgerausch und Lied den Wiederhall
Vernimmt er nun vom Einen Wunsch zu leben,
Der anders nicht als uns beseelt das All.
Schon ist der Garten hügellos und eben
Und wo sich nicht ein Kiespfad gastlich windet
Da darf sich Blume, Gras und Strauch erheben.
Bald auch vom letzten Leichenstein verschwindet
Das Wappen unter der Besucher Sohlen.
Doch sieh, was dort mein Blick verwundert findet!
Wem blühn die wohlgepflegten Nachtviolen?
Wen soll dies junge Rankendach umhecken?
Was hat der Zeit hier Schonung anbefohlen?
Noch völlig scharf sind dieses Grabsteins Ecken;
Du fragst erstaunt, wen mag an diesem Orte
Im letzten Bett der neue Stein bedecken?
Die kleine Laube liegt nicht fern der Pforte:
War dies des alten Friedhofs letzter Gast?
Wie frisch geschnitten sind der Inschrift Worte.
Dir zuckt's im Knie, wann du gelesen hast.
Wem keine Andacht hier sein Herz geböte,
Er wär' am deutschen Stamm ein dürrer Ast.
Des neuen Tages helle Morgenröthe
Ist unserm Volk einst siegend aufgegangen
Aus diesem Staub. Hier ruht die Mutter Goethe.
Der Staub von Andern mag als Rose prangen,
Um Blumen gaukeln als ein bunter Falter,
Als Lerche wieder freien Laut empfangen,
Mag steigend wirbeln einen Frühlingspsalter,
Bis er sich nochmals Mensch zu sein erdreistet;
Der ihre raste nun ein Weltenalter.
Der Frauen Höchstes hat die Frau geleistet
Die für ein Weltenalter wirkungsvoll
Mit Götterlicht des Sohnes Stirn begeistet.
Die Gottesliebe, der die Welt entquoll,
Sie war verzerrt zum grausen Götzenbilde
Das Leid und Pein begehrt als Dankeszoll,
Zum Freudenhaß des großen Dulders Milde,
Die Schonung selbst der Sünderin befahl;
Das Menschenherz glich dem gehetzten Wilde,
Verderbt nur hieß es und bestimmt zur Qual;
Die Erde war die Schlachtbank frommer Schafe,
Ein düstrer Kerker und ein Jammerthal;
Das lichte Leben hieß Verbannung, Strafe,
Und nur in dunkler Ferne lag sein Ziel:
Verdammniß, oder nach dem langen Schlafe
Ein Loos, weit ärger als des Dante Kiel
Das ärgste schildert: eine Ewigkeit,
Von Wunsch, Bedürfniß, ernster That und Spiel,
Voll Furcht und Hoffnung ganz und gar befreit
Und doch bewußt, ein grauenhaft Empfinden
Des Nichtempfindens und der leeren Zeit.
Doch nun erbarmte sich der künstlich Blinden
Auf seinem schönen Stern der Erdengeist,
Der dann und wann als Genius die Binden
Des Trugs vom Auge seiner Kinder reißt.
Er ließ vom großen unsichtbaren Strome
Der ewig in den Elementen kreist,
Den stärksten Funken zünden die Atome
Die dieser Stein der Werdelust entzieht,
Und Goethe ward. Bald schwanden die Phantome
Wie Nebel vor der steigenden Sonne flieht.
Das helle Auge war ihm angeboren
Mit dem die Welt sich staunend selbst besieht,
Das sie zum Wunderspiegel auserkoren
Sich aus verwirrender Gestaltenmenge
Ihr ewig eines Urbild zu entfloren,
Der »schwankenden Erscheinung« Traumgedränge
Zu »festigen in dauernden Gedanken.«
Doch was er war und was er that, wer zwänge
Das je hinein in eines Spruches Schranken?
Begreift nur, daß wir ihm den besten Theil
Des Besten was wir heute sind, verdanken,
Doch weite Strecken, Pfade, schroff und steil
Noch vor uns haben, bis wir unser eigen
Einst nennen dürfen alles lichte Heil
Das in der Zukunft seine Finger zeigen.
Geführt von seiner Dichtung Wundertönen
Laßt uns empor zu seinen Höhen steigen.
Wir können so nur mit Vollendung krönen
Was er ersehnt mit schmerzlichem Verzichten.
Sein wir ein Volk von ächten Göthesöhnen!
Vollziehn wir wacker unsre Sohnespflichten,
Sein Testament in Faustens Schlußgebet,
Bis an den Bildern die wir ihm errichten
Sein Wunsch ihm endlich in Erfüllung geht,
Bis jedes Goethebild in deutschen Gauen
»Auf freiem Grund mit freiem Volke steht.«

Ihr aber pilgert her, ihr deutschen Frauen,
Hier betet um ein seelig Mutterloos,
Um Söhne, würdig weiter fort zu bauen
Was Er begann den Dieser Mutter Schooß
Begnadet ward uns allen zu gebären.
Den Mann vielleicht, der endlich frei und groß
Zum Volk der Welt uns wieder soll verklären,
Wofern er nicht schon heute lebt und sinnt,
Wird eine dann empfangen und ernähren
An eigner Brust und für ein solches Kind
Wie diese zählen zu den Benedeiten. –

Du schlichter Stein, an dir vorüber rinnt
Zerstörungslos der schnelle Strom der Zeiten;
Denn so vandalisch daß sie dich bedrohten
Wird kein Geschlecht an dir vorüber schreiten.
Das Leben bannt mit siegenden Geboten
Die Gräber in des Weichbilds ferne Mark,
Verwandeln muß das alte Feld der Todten
Sich mehr und mehr in einen heiteren Park;
Das letzte Denkmal und die letzte Mauer
Verwittern bald; doch du bist wunderstark,
Du schlichter Stein; du dienst ja nicht der Trauer,
Du bist ein Ruhmes-, bist ein Siegeszeichen
Und fromme Andacht sichert deine Dauer.
Vor dir wird ehrfurchtsvoll zur Seite weichen
Was Gräber selbst nicht schont, des Lebens Recht.
In eine Zukunft kann mein Auge reichen,
Da wölbt ein freies blühendes Geschlecht
Um diesen Quader eine lichte Halle,
Daß durch des Regens Zahn und Moosgeflecht
Nicht endlich doch selbst harter Stein zerfalle;
Daß man das Grab der Mutter Goethe finde
Und immer noch zur deutschen Kaba walle
Ob ein Jahrtausend auch vorüber schwinde.