pfeil btn li 33x33  zurück..

Heimatforschung Dreieich "Die Familie Holzmann"

von Karl Nahrgang - 1949
landschaft dreieich 900

Wenn wir die Reihe bedeutender Gestalten der Landschaft Dreieich durchgehen, denken wir in erster Linie an die Männer des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Meist stand ihre Wiege noch nicht einmal in der Dreieich, sondern Lebensweg und Schicksal hatten sie hierher verschlagen und durch einmalige Leistungen und Taten hat sich ihr Name der Nachwelt unsterblich erhalten. Die Hast der modernen Zeit, die den Menschen immer mehr dem Heimatboden entwurzelt, bringt es mit sich, daß die Söhne der Dreieich, die es in der Welt zu höchstem Ansehen brachten,in ihrer Heimat fast in Vergessenheit gerieten, seit sie den Wanderstab ergriffen. So zeugt in Frankfurt ein stolzer Bau, der zum 100jährigen Bestehen der Firma sein durch den Krieg geschändetes Antlitz Wienerin schlichter Vornehmheit erneuert hat, von der Weltgeltung des Gründers Johann Philipp Holzmann und seiner Söhne Philipp und Johann Wilhelm Holzmann.
Der Name Holzmann ist für die Bauwelt ein internationaler Begriff geworden. Die bedeutendsten Bauwerke Frankfurts verdanken dieser Firma ihr Entstehen, so das Opernhaus, das Städtische Kunstinstitut, der Frankfurter Hof, der Hauptbahnhof, der Osthafen, die erneuerte Alte Brücke, um nur die bekanntesten herauszugreifen. Die Anfänge des Bahnbauers unserer engeren Heimat sind ebenso unlöslich mit dem Namen Holzmann verbunden, wie die Kleinasiatischen Bahnen, die Bagdadbahn und die Ostafrikanische Mittellandbahn. Brücken- und Tunellbauten im In- und Ausland, von denen nur der Spreetunnel und die Untergrundbahnen in Berlin, sowie der Elbtunnel in Hamburg erwähnt seien, stehen neben anderen Großunternehmen wie der Bau des Nord-Ostsee- und des Elbe-Trave-Kanals, der Weichseldurchstich bei Danzig und die Dockbauten in Kiel. Auch in dem Reichstaggebäude in Berlin, dem Deutschen Eck in Koblenz, dem Niederwalddenkmal bei Rüdesheim, dem Kaiserpalast in Straßburg und dem Schloss Friedrichshof bei Kronberg hat sich die Firma Holzmann ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Wer war nun dieser Philipp Holzmann, der seinen und seiner Söhne Namen durch seine großartigen Bauten und hervorragenden technischen Leistungen in alle Welt getragen hat?

Von dem Frankfurter Orte Bonames, wo die Sippe schon vor dem 30jährigen Krieg ansässig war, kam um 1700 der Müller Hans Georg Holzmann nach dem Hain in der Dreieich. Was ihn veranlaßte, dem Heimatort den Rücken zu kehren und sich gerade in den Isengurgischen Städtchen Dreieichenhain, deren Herren mit der Stadt Frankfurt seit rund 300 Jahren in ständiger Fehde lagen, niederzulassen, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Er heiratete 1711 die Witwe Margarethe Knöchel, geborene Gerhard und fand so seinen ersten Wohnsitz wohl in der Holzmühle am großen Wog im Anblick des ältesten Teiles der Stammburg der Herren von Hagen und Münzenberg. Sein 1716 geborener Sohn Johann Thomas heiratete Susanne Knöchel, die Tochter des Bergmüllers Hans Georg Knöchel und gewann somit wohl ein Anteil an der Bergmühle. Die Bergmühle war eine alte Erbleihmühle des Hainer Hospitals. Schon in der nächsten Generation fiel die Mühle an die Familie Laux, da die Tochter Anna Katharina des Thomas Holzmann Johannes Laux heiratete.
Thomas` ältester Sohn Johannes erwarb - wahrscheinlich 1776 - die Kreuzmühle, die durch drei Generationen der Schauplatz Holzmannschen Familienlebens war. Dieser Johannes Holzmann, der mit Elisabeth Schweiger, der Tochter des von Homburg vor der Höhe gebürtigen, in Philippseich als Wirt und Schuhmacher ansässigen Johannes Schweiger verheiratet war, ist der Großvater des am 22. April 1805 in der Kreuzmühle geborenen Johann Philipp Holzmann. Sein Vater, der ebenfalls Johann Philipp hieß und sich Katharina Löffler aus dem stattlichen alten Gasthaus zum Adler in Sprendlingen als Frau heimgeholt hatte, starb im 39. Lebensjahr. Der aufgeweckte Junge war beim Tode seines Vaters erst 13 Jahre alt. Als er ein Jahr später aus der Schule kam, betrieb er zusammen mit seiner lebensklugen Mutter die Kreuzmühle. Bis zu seiner Volljährigkeit war Bürgermeister Kiefer in Sprendlingen sein Vormund. Diesen überraschte er eines Tages zu dessen nicht geringem Entsetzen mit der Bitte, den zum Abbruch ausgeschriebenen Offenbacher Galgen kaufen zu dürfen, um mit den schönen Quadern seinen Mühlgraben zu überwölben. Das Scharfrichteramt und alles, was damit zusammenhing, galt damals noch als ein unehrliches Handwerk und der Vormund meinte, kein Mensch würde mehr mit Johann Philipp Holzmann verkehren, wenn er dies zuließe. Schließlich gab er doch dem Drängen nach und der Galgen wurde für billiges Geld erworben. Er bestand aus drei Pfeilern, auf denen einen schwere Holzpfette ruhte, die zum Schutze gegen die Witterung mit Blei abgedeckt war. Für diese Bleiplatten erlöste Holzmann allein über 500 fl. Im Fundament des Galgens fand sich außerdem ein Steinfach mit drei Flaschen Wein und einer zinnernen Gedenktafel des Gräflich Isenburgischen Hauses über den 1539 bei der Kühruh errichteten Galgen. Als Johann Philipp später diese Gedenktafel dem Fürsten von Isenburg, mit dem er größere Holzgeschäfte tätigte, schenken wollte, musste er erfahen, daß sie die Mutter vor Jahren in Frankfurt gegen ein zinnern Licht umgetauscht hatte. 1833 verheiratete er sich mit Elisabeth Laux, der Tochter des Hainer Bürgermeisters Jakob Laux. Ihre Mutter Elisabeth Laux, geborene Haller von Offenthal, war schon 1829 gestorben, und dem alten, behäbigen Bürgermeister war der Schwiegersohn nicht recht: "Der Kreuzmüller baut mir zuviel", hatte er eingewendet. Für diesen alten Bauernschlag aus der Bergmühle war das neue Unternehmen gleichbedeutend mit gefährlicher Spekulation. Johann Philipp Holzmann erweiterte die Kreuzmühle, richtete einen neuen Mahlgang ein und baute ein Sägewerk, das er gemeinsam mit der Frankfurter Holzfirma Meyer und Linst betrieb. 1840 übernahm er erstmals eine größere Schwellenlieferung für die Taunuseisenbahn. Das Geschäft brachte den ersten großen Gewinn ein. Als er aber geteilt werden sollte, beanspruchte die Firma Meyer und Lindt zwei Drittel und gestand Holzmann nur ein Drittel zu. Ein schriftlicher Vertrag war nicht abgeschlossen worden und so musste er sich mit dieser Teilung abfinden.

In dieser Zeit kaufte Freiherr von Rothschild das Landgut Günthersburg bei Bornheim, das seit 1835 eine Dampfmühle betrieb, die dem Rat Beil gehörte. Ein zeitgenössischer Bericht sagt von dieser neuartigenMühle: "Es ist etwas Fürchterliches, das Getöse und Brausen zu hören, wenn der Dampf seine ungeheuere Kraft und Triebwerk in dem Mechanismus der Mühle entwickelt". Holzmann wollte die Dampfmaschine für seine Holzschneiderei in der Kreuzmühle erwerben. Wieder beteiligten sich Meyer und Linst an diesem Geschäft und bewirkten, daß die gesamte Mühle auf der Günthersburg anfangs der 40er Jahre abgebrochen und bei der Kreuzmühle neu aufgebaut wurde. Seit dieser Zeit hieß die Kreuzmühle auch Dampfmühle und ein Kupferstich aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zeigt uns noch den riesigen, die ganze Gegend beherrschenden eisernen Schornstein mit Rußfang der Dampfmühle. Sie lieferte sehr feines Mehl, aber Kohle und Frucht mussten von Frankfurt nach Sprendlingen und das Mehl wieder nach Frankfurt gefahren werden, wodurch der Gewinn sehr geschmälert wurde. Außerdem verschlang die noch primitive Dampfmaschine viel Kohle. Schließlich war mit der Garnison in Darmstadt ein Mehllieferungsvertrag für viele Jahre zu einem festen Preis abgeschlossen worden, während welcher Zeit der Kornpreis auf das Doppelte stieg. So war die Mühle ein fortgesetztes Verlustgeschäft und verschlang auch den großen Teil der Gewinne aus dem Bau der Main-Neckarbahn, an dem Holzmann beteiligt war. Er schied daher 1849 unter Verzicht auf seinen Anteil am Vermögen aus der Firma aus und zog nach Sprendlingen in das Haus seines Onkels Herbert, der nun als Betriebsleiter in der Kreuzmühle einzog. Meyer und Linst glaubten ein gutes Geschäft abgeschlossen zu haben, doch mussten sie nach wenigen Jahren die Dampfmühle aus Geldmangel stillegen.

Das "Neue", das da mit Hand und Pferdekarren, Pickeln und Schaufeln zu Dämmen und Einschnitten geformt wurde, das mit seinen Eisenwegen ein neues Zeitalter des Verkehrs einleitete hatte den unternehmenden Geist Holzmanns ganz in seinen Bann geschlagen. 1852 übernahm er eine größere Arbeit beim Bahnbau im Spessart. Die ganze Familie wohnte fortan bei der Arbeitsstätte, und als 1855 die Bahn Hanau-Aschaffenburg gebaut wurde, zog er in die Hanauer Vorstadt. 1856 ließ er sich in Frankfurt nieder. Zwei Jahre später brannte die dort errichtete Fabrik ab. Es folgte 1859 der Bau der Homburger Bahn und 1860 eine abermalige Übersiedlung nach Oberlahnstein zum Bau des dortigen Hafens. 1863 endgültige Rückkehr nach Frankfurt und Bau einer neuen Fabrik in der Obermainstraße. Da er sich gesundheitlich nicht wohl fühlte, teilte er am 1. Januar 1865 sein Geschäft unter seinen beiden Söhne Philipp und Johann Wilhelm. Unter ihnen begann der Aufschwung der Firma zu jener internationalen Bedeutung, die eingangs dieser Ausführungen schon skizziert wurde.

 

Dem obrigen Beitrag folgt anschließend die Stammtafel der Familie Holzmann

 
1 linie gruen 900
 
© Fester, 2018